Bildung über Bücher hinaus

Khalil Mohammad Sarbaz hatte das große Glück, die Amani High-School in Kabul besucht zu haben. Die ehemals von Deutschland unterstützte Eliteschule war dafür bekannt, moderne Unterrichtsstandards zu setzen – vor allem beim Deutschunterricht als Fremdsprache und bei den qualifizierten deutschen Lehrkräften.

Als die Taliban 1996 an die Macht kamen, wurde dieses Wissen nicht mehr vermittelt, denn die Taliban lehnten westlich geprägte Bildung ab.

Die Situation änderte sich nach dem Fall der Taliban 2001 – Sarbaz‘ vorletztem Schuljahr. Plötzlich stand Bildung wieder im Fokus. Mit der Ankunft neuer Lehrkräfte aus Deutschland war Sarbaz der deutschen Sprache und Literatur für den Rest seines Lebens verfallen.

Heute ist Sarbaz 32 Jahre alt und leitet die deutsche Abteilung der Universität Kabul. Er ist die treibende Kraft einer Bewegung, die das Interesse an der deutschen Sprache im ganzen Land wiederbeleben will. Die Studentinnen und Studenten reagieren durchweg positiv.

Ungefähr 110 Studierende besuchen aktuell die deutsche Abteilung der Universität, die Hälfte davon Frauen. Hier lernen sie mehr als nur eine Fremdsprache. Zusätzlich stehen kritisches Denken, Forschungsmethoden und Teamarbeit auf dem Lehrplan. All das hat Sarbaz aus seinem Masterstudium von 2008 bis 2011 in Deutschland mitgenommen.

“All die Dinge, die ich in Deutschland gelernt habe, gebe ich nun an meine Studentinnen und Studenten und die deutsche Abteilung der Universität weiter” sagt er.

Ein Jahr nachdem er seine Deutsch- und Literaturkurse an der Universität Kabul abgeschlossen hatte, gewann Sarbaz ein Stipendium für ein Masterstudium im Fach Interkulturelle Kommunikation an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.  Drei Jahre später kehrte er nach Afghanistan zurück und arbeitet seitdem in der deutschen Abteilung der Universität Kabul.

Sein Studium hat ihm dabei geholfen, die nötigen sozialen Kompetenzen zu entwickeln, um mit kulturellen Problemen umgehen zu können und mit Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen zu arbeiten — ganz ohne soziale oder genderbasierte Vorurteile. “All das, was ich in Deutschland gelernt habe, kommt mir hier an der Universität Kabul zugute,” sagt er.

Sarbaz erzählt, dass an der Universität ein Generationenwechsel stattgefunden habe, insbesondere in der Wissenschaft und der Arbeitskultur: “Emails müssen nun zeitig beantwortet werden und Feedback muss auf konstruktive Weise erfolgen. Jeder, der eine Führungsposition innehat, muss über die Bedürfnisse und Anforderungen seines Teams Bescheid wissen.“

„Die Unterrichtsmethoden in Afghanistan sind starr und auf Zuhören und Lesen beschränkt. Kritisches Denken ist nicht gefragt. Diese Methoden sind unnütz,” kritisiert Sarbaz. Er versucht dies zu ändern: “Jeder muss lesen, analysieren und kritisch denken können.“

“Früher, als Studierende nach Studien- oder Forschungsmaterialien fragten, konnten wir ihnen keine bieten, da wir keine hatten“ sagt Sarbaz. “Heute verfügen wir über alle nötigen Materialien. Den Studentinnen und Studenten, die mit einer Frage zu mir kommen, zeige ich den relevanten Link auf dem Computer und weise ihnen den Weg zum richtigen Thema.”

Die Studierenden, die Fakultät und die Angestellten erhalten ebenfalls die Möglichkeit, ihr Studium fortzusetzen und ihre Fähigkeiten in Deutschland zu erweitern. Kommenden Winter werden vier Professoren der Universität Kabul an einem vierwöchigen Training an der Friedrich-Schiller-Universität teilnehmen. Sarbaz hat es außerdem geschafft, mindestens fünf Studierende der Universität Kabul an die Friedrich-Schiller-Universität zu schicken. „Unsere Studentinnen und Studenten haben alle Bedingungen erfüllt”, sagt er stolz.

Veröffentlichung: 12/2017
Programm: Integrierte und Rückkehrende Fachkräfte
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Afghanische Ministerien und Institutionen
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Balkh, Herat, Kabul, Kandahar, Khost, Nangarhar
Programmziel: Aufbau leistungsfähiger staatlicher Verwaltungsstrukturen.
Gesamtlaufzeit: Januar 2010 – Juni 2018
 
All die Dinge, die ich in Deutschland gelernt habe, gebe ich nun an meine Studentinnen und Studenten und die deutsche Abteilung der Universität weiter.
Twitter icon
Facebook icon
More stories in this sector