Markt der Möglichkeiten

In der nordostafghanischen Provinz Badakhshan nehmen Produzentinnen den Verkauf ihrer Waren nun selbst in die Hand: Mit deutscher Unterstützung entstand ein Geschäftszentrum speziell für Frauen. Dort können Unternehmerinnen sicher Handel treiben und sie verdienen deutlich mehr, weil sie keine Zwischenhändler mehr brauchen.

Handel bei Wind und Wetter. Die Überdachung schützt vor Regen und Schnee. An heißen Tagen spendet sie Schatten. © GIZ / Mohammad Javid

Noch ist es ruhig an diesem kalten Wintertag auf dem Markt des „Geschäftszentrums für Frauen“ in der afghanischen Provinzhauptstadt Faizabad. Doch davon lassen sich die Händlerinnen nicht beirren. Sie wissen: Die Kundschaft wird kommen. Ansprechend präsentieren die Geschäftsfrauen ihre Waren auf den Marktständen – Gebäck und Honig, Süßigkeiten, Kleidung, Decken und Kunsthandwerk. Für die Händlerinnen ist der Frauen-Markt die Verkaufsstelle Nummer Eins. So auch für Nafisa Hamdard. Sie verkauft auf dem Markt handgemachte Süßwaren. „Ich arbeite härter als die Männer und meine Produkte können mit ausländischen Erzeugnissen mithalten“, sagt die selbstbewusste Geschäftsfrau.  

Seit Ende September 2020 gibt der Frauen-Markt in der Hauptstadt der Provinz Badakhshan Produzentinnen wie Nafisa Hamdard die Möglichkeit, eigene Erzeugnisse selbst zu verkaufen. Den Anstoß zur Gründung des Marktes gab die Provinzdirektion für Frauenangelegenheiten, das Baugrundstück im neuen Ortszentrum von Faizabad stellte die Kommune zur Verfügung.

Für die Verwirklichung des Marktes sorgte die deutsche Zusammenarbeit mit Afghanistan, die sich seit 2002 für Wirtschaft und Beschäftigung im Land engagiert. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierte den Frauen-Markt mit rund 5,7 Millionen Afghani (umgerechnet knapp 61.400 Euro). Die Umsetzung nahm das Programm Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP) in die Hand.

SEDEP fördert unter anderem Frauen und Männer, die landwirtschaftliche Güter produzieren, verarbeiten, liefern und verkaufen. Das Programm vermittelt ihnen unternehmerisches Know-how, beispielsweise wie man Geschäftspläne erstellt, Investitionen plant und den Betrieb effizienter und produktiver macht.

Der Markt führt bei vielen Geschäften zu Wachstum. So beschäftigt Unternehmerin Fahima Sadat mittlerweile 13 Frauen. © GIZ / Mohammad Javid 

Durch diese Unterstützung gestärkt, konnten sich in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen in der strukturschwachen nordostafghanischen Provinz Badakhshan eine bescheidene Existenz aufbauen, zum Beispiel durch die Herstellung von Backwaren oder durch den Anbau und die Verarbeitung von Gemüse. Manche Kleinunternehmerinnen führen sogar Werkstätten mit mehreren Mitarbeiterinnen. Eine von ihnen ist Fahima Sadat. Die offene Unternehmerin mit dem bunt geblümten Schal beschäftigt 13 Frauen, die traditionelle Stickereien und Textilien herstellen wie zum Beispiel das lokal beliebte gewebte Kleidungsstück Raghzah.

Viele der Unternehmerinnen haben ihre Männer verloren – auch die Konditorin Nafisa Hamdard ist seit fünf Jahren verwitwet. Sie haben deshalb keine andere Wahl, als selbst tätig zu werden, um sich und ihre Familien über die Runden zu bringen. Als Ernährerinnen ihrer Familien finanzieren sie unter anderem die Ausbildung ihrer Kinder und legen damit den Grundstein für Entwicklung und eine bessere Zukunft.

Was den Frauen aus Badakhshan jedoch in der Vergangenheit fehlte, war ein sicherer, akzeptierter Ort, um ihre Waren zu verkaufen. „Die Frauen aus der Provinz fragten uns immer wieder nach einem eigenen Geschäftszentrum“, erinnert sich die Provinzdirektorin für Frauenangelegenheiten, Alina Gheyasi. Das Problem der Frauen: Im traditionell geprägten Badakhshan werden Unternehmerinnen und Händlerinnen oft nicht akzeptiert.

Nafisa Hamdard und ihre Kollegin Shala Ahmadi präsentieren Gebäck, Süßspeisen und eingelegtes Gemüse. © GIZ / Mohammad Javid

Bevor es den Frauen-Markt gab, mussten Produzentinnen, ihre Waren zu Hause anbieten oder sich auf den Tür-zu-Tür-Verkauf in der Nachbarschaft beschränken. Konditorin Nafisa Hamdard ist froh, dass sie auf dieses ineffiziente Vermarktungssystem mit kleinem Kundenkreis und geringen Verdienstaussichten nun nicht mehr angewiesen ist. Heute erreicht sie im „Geschäftszentrum für Frauen“ Kundinnen aus ganz Faizabad und anderen Teilen Badakhshans – und viele kommen immer wieder, um bei ihr Süßes zu kaufen.

Seit sie ihren eigenen Markt haben, können es die Unternehmerinnen verschmerzen, dass sie als Frauen auf dem Mina Basar im alten Zentrum von Faizabad keinen Stand mieten dürfen. Früher mussten sie ihre Produkte Männern zum Verkauf überlassen, wollten sie ihre Waren auf dem Basar oder an anderen Verkaufsstellen präsentieren - wobei die Händler einen satten Anteil von 20 bis 25 Prozent einstrichen. „Es ist nicht einfach, wenn der Erlös für harte Arbeit zu einem erheblichen Teil in fremden Taschen landet“, erklärt Fahima Sadat. Aufgeben kam für die umtriebige Textilherstellerin aber nicht in Frage. Sie spricht im Namen aller Unternehmerinnen, wenn sie sagt: „Wir blieben uns treu und überwanden die Probleme.“

Im „Geschäftszentrum für Frauen“ stehen den Unternehmerinnen 24 Marktstände und zehn Shops zur Verfügung. „Standmiete müssen die Händlerinnen bisher nicht entrichten, nur für Wasser und Strom wird eine Gebühr fällig“, erläutert Shukria Hakimi, die Leiterin des Geschäftszentrums. Weil das Marktgelände überdacht ist, können die Frauen das ganze Jahr über und bei jeder Witterung handeln. Deshalb liefen die Geschäfte trotz des Verkaufsstarts in der kalten Jahreszeit gut an.

Shukria Hakimi ist die Leiterin des Markts. © GIZ / Mohammad Javid

Alina Gheyasi von der Provinzdirektion für Frauenangelegenheiten meint: „Die Frauen arbeiten mit großem Enthusiasmus und Leidenschaft auf dem Markt. Die Verkaufszahlen sind sehr erfreulich und dieser gute Start bereitet den Weg für die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Familien der Frauen.“ Manche Unternehmerinnen verkaufen 70 Prozent mehr als früher. Konditorin Nafisa Hamdard denkt schon an Expansion – die Alleinverdienerin hat sogar genug Einnahmen, um ihre beiden Kinder auf Privatunis zu schicken.

Die Frauen vermarkten aber nicht nur ihre eigenen Waren, sondern auch Erzeugnisse von Produzentinnen aus abgelegeneren Regionen der Provinz. Sie kommen so ebenfalls in den Genuss höherer Verkaufseinnahmen – denn anders als die Männer behalten die Frauen keinen Teil des Erlöses ein. Unternehmerin Sadat unterstreicht: „So zeigen wir unsere Solidarität unter Frauen. Wir wollen durch den Mitverkauf der Waren andere Frauen dazu ermutigen, ihr eigenes Geld zu verdienen.“

Auch Teppiche stehen zum Verkauf. © GIZ / Mohammad Javid

Der Markt wird rund um die Uhr bewacht. Er ist ruhig aber dennoch zentral und gut erreichbar in der Neustadt von Faizabad gelegen. Das kommt auch bei den Kundinnen gut an. Zwar können Afghaninnen bei männlichen Händlern einkaufen, aber nicht alle fühlen sich wohl dabei. „Es fällt mir leichter, mit einer Frau zu handeln, um einen guten Preis zu erzielen“, erklärt die junge Kundin Raihana Crystal, während sie sich am Süßwarenstand von Nafisa Hamdard umsieht.

Die Händlerinnen bedienen zurzeit nur weibliche Kundschaft. Doch sobald alle Bedingungen geklärt sind, werden auch Männer bei den Unternehmerinnen Handarbeit aus der Region kaufen können.

Neben der Marktfläche gibt es zehn Verkaufsräume. © GIZ / Mohammad Javid

Der Erfolg des Frauen-Markts beflügelt die Pläne der Provinzdirektorin für Frauenangelegenheiten, Alina Gheyasi. Sie will den Markt um weitere Geschäfte erweitern,– Café, Eisdiele, Restaurant und ein Kosmetiksalon schweben ihr vor. Langfristig ist geplant, den Markt zu einem Gründerzentrum für Unternehmerinnen weiterzuentwickeln. Alina Gheyasi betreibt schon fleißig Lobbyarbeit.

Alina Qiyasi sieht in dem Markt ein Erfolgsmodel. © GIZ / Mohammad Javid

Die Produzentinnen und Händlerinnen können sich vorstellen, dass ihr Beispiel Schule macht – in anderen Regionen Afghanistans oder auch in anderen Ländern. Die Geschäftsfrauen aus Badakhshan sind bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit anderen tatkräftigen Frauen zu teilen.

Veröffentlichung: Juni 2021
Programm: Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Ministerium für Handel und Industrie (MoCI), Ministerium für ländlichen Wiederaufbau und Entwicklung (MRRD)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit
Provinzen: Badakhshan, Baghlan, Balkh, Kunduz, Samangan, Takhar
Programmziel: Die Voraussetzungen für wirtschaftliche Aktivitäten im Agrarsektor werden verbessert. Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für Männer und Frauen aller Bevölkerungsgruppen werden geschaffen.
„Wir wollen durch den Mitverkauf der Waren andere Frauen dazu ermutigen, ihr eigenes Geld zu verdienen“
More stories in this sector